Original

Destillat: Über das Original im digitalen Zeitalter

Das Verhältnis von Original und Kopie, Replikat und Fälschung muss im Zeitalter der Digitalisierung neu gedacht werden. Ist die digitale Erfassung eines Objekts eine simple Kopie von diesem oder ist es selbst ein Original bzw. welche Kriterien sind für diesen Unterschied entscheidend und welchen Status nehmen die digitalen Kopien im Vergleich zu den Originalen und nicht digitalen Kopien/Repliken ein?

Immer mehr Museen digitalisieren ihre Archive um einen leichteren Zugang zu den einzelnen Exponaten zu ermöglichen. Diese Digitalisierung hat viele Vorteile: man kann unabhängig von Ort und Zeit einen Zugang zu den Daten erhalten und die Möglichkeiten der Übersicht und der Verweisbarkeit vervielfachen sich um eine Großes. Gleichzeitig bringt diese Digitalisierung aber auch viele Fragen mit sich, so ist der digitale Zugang an sich nur für Personengruppen mit einem Internetzugang möglich – was jedoch nicht automatisch eine Vermittlung generiert – davon abgesehen ist nicht gesagt, dass jedes Museum sein Digitales Archiv für die breite Öffentlichkeit zugänglich macht. Dies eröffnet Fragen nach Besitzverhältnissen, der Monopolisierung von Daten und damit auch von Wissen. Fragen, die bereits außerhalb des digitalen Raumes eine gesellschaftliche Rolle gespielt haben: Wer besitzt das Original eines Kunstwerkes/Exponats, wer besitzt eine Kopie und wer kann sich welches leisten?

Während diese Faktoren im historischen Rückblick vor allem bei einer gesellschaftlichen Situierung der Besitzenden eine Rolle spielten, könnten Sie heute helfen einen dauerhaften Zugang zu Objekten von fragwürdiger Provenienz zu erlauben und damit zu einer Restituierung der Originale beizutragen. Da insbesondere bei ethnographischen Objekten der Status von Orginial und Kopie eine besondere Rolle einnimmt, sollte eine Digitalisierung dieser immer in Zusammenarbeit und unter Zustimmung der Herkunftsgesellschaften erfolgen, um durch diese nicht nur die Originale nicht zu beschädigen, sondern auch die Herkunftsgesellschaften in eine mögliche Nutzung der Archive einzubeziehen.

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Original

Zitat: Falsche Fälschung

Eine affirmative Rezeption von hyperrealen Modellen findet sich gegenwärtig in der strategischen Zukunftsgläubigkeit: Diese verbindet sich oft mit der Computertechnologie und der Gentechnik, in denen die Bedeutung von falsch oder Fälschung oft auf einen an sich schon zweifelhaften Original- pder Naturbegriff rekurriert. Diese Rhetoriken bewegen sich außerhalb der Begrifflichkeit von Kunstfälschungen, die traditionell immer ein Original voraussetzen.

Quelle: Künstlerische Strategien des Fake – Kritik von Original und Fäschung, Stefan Römer; 2001, DuMont Buchverlag KölnS. 12

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Stefan Römer Künstler*in Male Autor_in Kunstgeschichte Digitalisation Germany
Original

Zitat: Taking a “copy” home

Taking home a “copy” of a sculpture at the Met is exciting, but it might be even more fun to use that work as an inspiration for your own creations.

(Don Undeen 2013)

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf (Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018, S. 57

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Original

Zitat: Colonial notion of possession

With the data leak as a part of this counter narrative we want to activate the artefact, to inspire a critical re-assessent of today’s conditions and to overcome the colonial notion of possession in Germany.

(Al-Badri/Nelles 2015)

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf (Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018, S. 60

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Original

Zitat: Zwei Originale

So stehen jetzt zwei Originale nebeneinander und damit stellt sich die Frage, wer welche Büste besitzt: eine gehört derzeit der SPK/Deutschland, eine prinzipiell Allen.

Damit lenken Al-Badri/Nelles den Blick darauf, in welchem Wertesystem das Verhältnis Original-Kopie-Replikat ausgehandelt wird: Al-Badri/Nelles ( und auch Haim-Wenscher) bringen mit ihren Transkriptionen uwar ebenfalls das Original (die Nofretete-Büste im Neuen Museum) erst als Original hervor, ohne jedoch dabei eine Kopie zu erhalten – die Künstler*innen bringen gleichzeitig weitere Originale hervor, indem der Status als Original diskursiv abgesichert ist durch ihre Autorschaft, qua Kennzeichnung des Hacks als “ihr” Kunstwerk – und gleichzeitig ist es dank public domain: Allen.

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf (Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018, S. 60

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Original

Zitat: “Fake”

Mit Fake wird ein Begriff entworfen, der entgegen seiner konventionellen Verwendung im Englischen die Strategie umreißt, auf den eigenen Doppelstatus aufmerksam zu machen, gleichzeitig der Kategorie des „originalen Kunstwerks“ und auch der der „Fälschung“ zu entsprechen.

Quelle: Künstlerische Strategien des Fake – Kritik von Original und Fäschung, Stefan Römer; 2001, DuMont Buchverlag KölnS. 17

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Zitat: From Image to Image File—and Back

The digital image is a copy—but the event of its visualization is an original event, because the digital copy is a copy that has no visible original. That further means: A digital image, to be seen, should not be merely exhibited but staged, performed. Here the image begins to function analogously to a piece of music, whose score, as is generally known, is not identical to the musical piece—the score itself being silent.For music to resound, it has to be performed. Thus one can say that digitalization turns the visual arts into a performing art.

Boris Groys, From Image to Image File—and Back: Art in the Age of Digitalization

Source: http://www.altx.com/remix/Groys.pdf

HH
Digitalisation Boris Groys Germany Philosophie Kunstkritik
Original Bild

Zitat: Kriterien des Originals

Solange eine Fälschung als ein Original anerkannt wird, hat es der Fälscher geschafft, genau den Kriterien der sogenannten Experten zu entsprechen. In diesem Fall handelt es sich aber nicht um eine Fälschung, sondern noch um ein Original.

Quelle: Künstlerische Strategien des Fake – Kritik von Original und Fäschung, Stefan Römer; 2001, DuMont Buchverlag KölnS. 13

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Original

Zitat: Digitale Rechte

Ein Digitalisat wird in Deutschland als Eigentum des Digitalisierenden, in diesem Falle der Institution, verstanden. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), Ellen Euler, sagte:

„Zwar versprechen Wissenschaftseinrichtungen in der Berliner Erklärung einen barrierefreien und offenen Zugang zu kulturellem Wissen, bei dem die Nutzer auch Wissen vervielfältigen und weitergeben dürfen, allerdings ist das in der Praxis häufig noch nicht gegeben. Denn durch die Digitalisierung von gemeinfreien Werken erwerben die Kulturerbeeindichtungen Rechte. (Anm. SL Schutzrechte wie bei der fotografischen Reproduktion) an ihnen.“ Euler 2017)

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf(Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018, S.56

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Zitat: Die Falsche Nofretete

2008 veranlasst die SPK (Stiftung Preussischer Kulturbesitz) eine genauste Abformung der Nofretete-Büste durch das Ingeniersbüro TrigonArt. Deren Mitarbeiter*innen erstellten mit Hilfe von 3D-Streifenlicht-Scans ein digitales Modell und nachfolgend in einem Polyjet-3D-Druckverfahren eines aus Kunststoff. Von dieser Form ausgehened nahm die SPK Gips-Werkstatt eine Silikonform ab und unternahm unter hohem technischen Aufwand den Versuch, die Büste nahezu “originalgeträu” nacharbeiten zu können. Für die “authentischen” Farbrezepturen erfolgte eine Farbabgleichanalyse durch das Rathgen-Forschungslabor, damit sogenannte “Original-Pigmente” verwendet und in “historischen Malverfahren” aufgetragen werden können. Das nachfolgende Hinzufügen von Patina und den alterbedingten Schäden des Originals soll der “originalgetreue” dienlich sein, “so dass jede Reproduktion ein Unikat darstellt” – also möglichst “perfekte” Kopie sei, preist das Forschungslabor die eigene Arbeit an. Ohne aufwändige technische Hilfsmittel und enormes Wissen ließe sich Kopie von Original kaum mehr unterscheiden. Durch die lange Geheimhaltung der Büste nach der Ausgrabung ranken sich seit jeher Gerüchte darum, dass hinter den Glasfenstern ihrer Vitrine die Büste der Nofretete auch als ihre eigene Kopie ausgestellt sein könnte, oder sie schon immer eine “Original-Fäschung”, ein Falsifikat war.

Diese erneute Transkription der Büste der Nofretete ist begleitet von der Tatsache, dass das Neue Museum Berlin als staatliche Institution nicht nur die Büste, sondern auch die Daten ihres Scans unter Verschluss hält. Die SPK stellt zwar Daten für nicht-kommerzielle Zwecke zur Verfügung, verhindert aber andere Anwendungsmöglichkeiten.

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf(Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018,  S. 55

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Zitat: Original als Distinktionsmerkmal

Die Gipsabformungs-Technik breitete sich aus, wurde Ende des 18. Jahrhunderts industrialisiert, wurde dadurch günstiger und im 19.Jahrhundert schlißelichen wurden von Museen serienmäßig Gipsabdrücke ihrer Sammlungsstücke verfertigt und unprätentiös per Katalogpreis an Institutionen, (Kunst-) Akademien oder private Sammlungen verkauft. Mit dem beginnenden 20. Jahrhundert und der sich entwickelnden Notwendigkeit, merkantile Herrschaft über an der Aristokratie orientierten Selbstrepräsentationen zu legitimieren und abzusichern, wurde das “Ursprüngliche”  des “authentischen” Originals und dessen einzigartiger Besitz zum Distiktionsmerkmal in der sozialen Hierarchie. Damit kamen auch Gipsreplika aus der Mode.

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf(Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018,  S. 50

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Zitat: Herrschaftsansprüche

Bereits mit der Entwicklung der Gipsabformungstechniken waren Machtpolitiken verwickelt: Nicht nur über den Raum, Erwerb und Besitz der antiken Originale ließen sich Herrschaftsansprüche herstellen, sonder auch mit teuren, visuellen Transkriptionen aus Gips wurde Herrschaft repräsentiert – oft, wenn die Originale nicht erwerb- oder transportierbar waren.

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf(Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018,  S. 49

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Zitat: Kopie als neues Original

Besonderes Augenmerk möchte ich darauf richten, dass jedoch die Kopien von zeitgenössischen Künstler*innen eben genau keine Replikationen sind, sondern Künstler*innen bringen, abgesichert durch ihren Status als Autor*innen, in ihrer künstlerischen Produktion, in ihrer Transkription, weitere Originale hervor. Wir haben es also mit zwei verschiedenen Bewegungen zu tun, aus denen “Originalität” hervorgeht.

Quelle: Omnia sunt Communia: Das kulturelle Erbe hacken
Original und Kopie im ethnographischen Museum von Sophie Lembcke

In: Archive dekolonialisieren: Mediale und epistemische Transformationen in Kunst, Design und Film (Edition Kulturwissenschaft) von Eva Knopf(Herausgeber), Sophie Lembcke (Herausgeber), [transcript] Edition Kulturwissenschaft, 2018,  S. 48

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